Waltraud Joa
Beauftragte des Landkreises Ostallgäu für Menschen mit Handicap
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Wie der Rollstuhl beim Umdenken hilft

Erstellt von W. Joa |

Marktoberdorf/Ostallgäu Bunt ist normal. Zumindest sollte es das sein, wenn es nach den Veranstaltern des landkreisweiten Aktionstags "Jugend und Menschen mit Behinderung" in Marktoberdorf geht. Auf dem Weg dorthin habe sich im Laufe der Jahre sehr viel getan, sind sie sich einig. Und trotzdem seien solche Termine wie der am Samstag, 29. Juni, wichtig, um das Leben in seiner Vielfältigkeit darzustellen und weiter Berührungsängste abzubauen. Die gebe es nach wie vor.

Als 2003 der Kreisjugendring seinen Verbändetag auf dem Stadtplatz ausrichten wollte, kollidierte das mit dem Aktionstag zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderung. Doch ein entweder, oder gab es nicht. "Das machen wir gemeinsam", lautete die Meinung. Inzwischen zum neunten Mal stellen sie ein großes Programm rund um den Stadtplatz einschließlich umfassendem Bühnenprogramm auf die Beine. Dem hat sich erneut die lnteressengemeinschaft Straßenfest Marktoberdorf mit Flohmarkt in der östlichen Georg-Fischer-Straße und seinen Ausläufern samt Bewirtung am Rathaus angeschlossen.

39 Stände werden unter der Regie vom Kreisjugendring um Vorsitzenden Alexander Spitschan, der Arbeitsgemeinschaft Offene Behindertenarbeit (OBA) Kaufbeuren-Ostallgäu mit Renate Dantinger und der Beauftragten für Menschen mit Handicap in Stadt und Landkreis, Waltraud Joa, aufgebaut.
Mitmachstände seien es, betonen sie.

Mit Leben erfüllen: Das ist ohnehin eine zentrale Aufgabe, die die drei bei ihrer Arbeit sehen. Gesetzliche Vorgaben gelte es in der Praxis umzusetzen und umgekehrt praktische Erfahrungen in allgemeingültige Regelungen einfließen zu lassen. "Da sind wir im Ostallgäu sehr weit", sagt Joa.
Das betreffe nicht nur den öffentlichen Bereich, sprich die Zugänglichkeit von Einrichtungen wie Ämtern, Büchereien, Hallenbädern, sondern auch den öffentlich genutzten Bereich, der bis hin zum barrierefreien Einkauf reicht.

Dem voraus sei ein langwieriger Prozess der Sensibilisierung gegangen, sagt Joa, weil der Fokus oft zu sehr auf Menschen mit Handicap lag.

Doch von den Verbesserungen profitieren viele. Etwa Ältere, denen mit Stock oder Rollator der Zugang erleichtert werde - und sei es über einen elektrischen Türöffner. Auch bei den Leitsystemen an Gehwegen oder Straßenübergängen den bekannten geriffelten Platten sei der Landkreis mit seinen Kommunen vorbildlich. Ebenso gehe es in Sachen barrierefreier Tourismus im Ostallgäu stetig voran.'

Um den Blickwinkel von Entscheidungsträgern zu vergrößern, scheute sich Joa auch nicht, einmal einen Bürgermeister in einen Rollstuhl zu setzen und ihn versuchen zu lassen, eine Tür zu öffnen oder eine
Steigung zu bewältigen. In ähnlicher Form ergriff kürzlich die OBA eine solche Maßnahme. Sie zog mit einem Sensibilisierungsparcours zu Schulen im Landkreis. Die OBA war vor 30 Jahren aus der Arbeitsgemeinschaft von Behinderten- und Sozialverbänden hervorgegangen, was seinerzeit in Bayern einmalig war. "Damals ging es noch um die Fürsorge für Behinderte, heute um Unterstützung und Teilhabe", sagt Dantinger. "Je mehr Bezugspunkte man schafft, umso besser ist es." Das klappe bei Kindern und Jugendlichen ausgezeichnet.

Diese Erfahrung hat auch Spitschan gemacht. Er ist Lehrer an einer Grundschule, die auch Kinder mit Handicap besuchen. Die berichten dann im Unterricht aus ihrer Lebenswelt, was für beide Seiten bereichernd sei. Das wünscht sich Joa auch für Erwachsene, doch da seien die Hemmschwellen höher. Behinderte trauten sich oft nicht, über sich zu sprechen, weil sie Angst haben, die falschen Worte zu finden und einfach nur Mitleid zu erregen.

Genau diese Schwellen zu senken, ist auch ein Ziel des Aktionstages in Marktoberdorf, für den Carolina
Trautner, Staatssekretärin im bayerischen Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales, die Schirmherrschaft übernommen hat.

 

Quelle: AZ

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Rollstuhlfahren ist gar nicht so einfach. Auch das zeigt sich beim Aktionstag. Archif-Foto: Larissa Benz