Waltraud Joa
Beauftragte des Landkreises Ostallgäu für Menschen mit Handicap
 Telefon: +49 (0) 8342 - 42945

Buchloe

Rollstuhlfahrer fordern Barrierefreiheit

Protestaktion Behinderte Menschen aus dem ganzen Allgäu demonstrieren in Buchloe

Quelle : Augsburger Allgemeine / Bericht: VON STEPHAN SCHÖTTL

Buchloe Für Herbert und Karin Spudich war es eine Selbstverständlichkeit, nach Buchloe zu kommen. Das Ehepaar sitzt im Rollstuhl und macht seit Jahren schlechte Erfahrungen auf den Bahnhöfen in der Region. Von der seitens der Bahn versprochenen Barrierefreiheit sei keine Spur, sagen sie.

Bis aus Kempten kamen die Spudichs daher ins Ostallgäu, um mit vielen anderen geh- und sehbehinderten Menschen zur demonstrieren. Allerdings kamen die beiden mit dem Auto. Denn, hier beginnen die Probleme bereits. Am Wochenende steht der sogenannte Mobilitätsservice der Bahn im Normalfall gar nicht zur Verfügung. Dieser kann nur jeweils von Montag bis Freitag zwischen 11 und 18 Uhr in Anspruch genommen werden. Und nur dann, wenn die Fahrt bereits drei Tage vorher bei der Bahn angemeldet wird. Wegen des Personalmangels. Durch die fortschreitende Automatisierung des Bahnbetriebs werden an immer mehr Haltepunkten die Bediensteten abgezogen, die Einstiegshilfen können also nicht mehr bedient werden. Ein-, aus-und umsteigen ist daher für Rollstuhlfahrer so gut wie gar nicht möglich.

Allerdings waren die vielen Rollstuhlfahrer am Samstagvormittag bei ihrer Ankunft in Buchloe überrascht. Am Bahnsteig wartete freundliches Bahnpersonal, die Hebebühnen waren plötzlich auch am Wochenende in Betrieb. Noch dazu schon weit vor 11 Uhr. Dem Ärger der Rollstuhlfahrer tat dies freilich keinen Abbruch. Bis aus Augsburg, Füssen, Lindau, Lechbruck, Mindelheim und sogar München und Starnberg kamen sie. Und sie forderten lautstark und auf vielen Transparenten eine sofortige und spürbare Verbesserung des Mobilitätsservices der Bahn für Menschen mit Behinderung.

„Wir haben den Anspruch, von diesem Bahnknotenpunkt in alle Richtungen verreisen zu können. Ich hoffe, dass dieser Wunsch irgendwann ganz normal ist“, sagte Waltraud Joa, Behindertenbeauftrage des Landkreises Ostallgäu. Herbert Spudich bedachte diese Worte mit lautem Applaus. „Wir würden so gerne zum Beispiel nach Hamburg. Aber wir kommen an den Bahnhöfen nicht einmal die Treppen zum Bahnsteig hinauf“, erzählt er. Selbst eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sei kaum möglich. In vielen Bussen fehle der Platz für Rollstuhlfahrer. „Und so passen meine Frau und ich gar nicht zusammen in einen Bus, müssten also eigentlich getrennt fahren“, so Spudich weiter.

Fast nichts sei in der heutigen Zeit unmöglich, sagte Heidi Dintel von der Vereinigung Kommunaler Interessenvertreter von Menschen mit Behinderung (VkIB). „Man kann ins Weltall fliegen, U-Bahnen fahren führerlos. Aber die Deutsche Bahn bringt es nicht fertig, ihr Material so an den Bahnsteig anzupassen, dass ein ebener Einstieg geschaffen wird“, meinte Dintel. Als Rollstuhlfahrer sei man in vielen Bereichen auf die Bahn angewiesen. Etwa dann, wenn Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten am Wohnort fehlen und daher Fahrten in die Stadt nötig sind. Dintel forderte in ihren Ausführungen Einstiegshilfen, die von allen Fahrgästen bedient werden können. „So etwas ist auch für ältere Menschen, Reisende mit viel Gepäck oder Eltern mit Kinderwagen sinnvoll“, so Dintel weiter. Seitens der Bahn jedoch heiße es, dies sei technisch und in Sachen Haftung nicht realisierbar. Andere Lösungsansätze würden oftmals am fehlenden Geld scheitern.

Ähnlich argumentierte auch Buchloes Dritter Bürgermeister Manfred Beck. „Meistens wird völlig berechtigt auf die Bahn geschimpft“, sagte er. In Buchloe, einer traditionellen Eisenbahnerstadt, zum Beispiel habe die Stadt am Bahnhof einst in den Bau der Fußgängerunterführung investiert. Auch der Pendlerparkplatz auf der Westseite werde aus dem Stadtsäckel bezahlt. „Wenn es ums Geldverdienen geht, ist die Bahn schnell zur Stelle. Geht es um die Grundversorgung, hält sie sich aber leider zurück“, mahnte Beck. Er appellierte an die Verantwortlichen, den vielen Worten endlich Taten folgen zu lassen: „Es geht hier auch um das Image der Stadt Buchloe.“

Der Ostallgäuer Landrat Johann Fleschhut brachte es schließlich auf den Punkt: „Es geht nicht um Behinderungen der Menschen, sondern darum, wie die Menschen behindert werden.“

Die Gesellschaft habe ein gemeinsames Recht und das dürfe nicht eingeschränkt werden. Fleschhut: „Schon gar nicht von denen, die einen öffentlichen Auftrag haben. Diese Entwicklung ist fatal.“

Protestaktion: Bahn frei für alle!

Protestierende Menschen mit Schild: Die Bahn macht mobil - wir auch Rolli-Fahrerin beim mühsamen Einsteig in den Zug am Samstag, 30. August 2008 von 11.00 Uhr – 15.00 Uhr am Bahnhof in Buchloe:

Wir fordern: Eine sofortige und spürbare Verbesserung des Mobilitätsserviceder Bahn für Menschen mit Behinderung!

Schirmherr der Aktion: Landrat Johann Fleschhut (Landkreis Ostallgäu)

Die Aktion wird musikalisch umrahmt, für das leibliche Wohl ist gesorgt.

Bericht der Allgäuer Zeitung

Rollstuhlfahrer fordern barrierefreie Bahnhöfe

Mit Transparenten wie „Alles Treppen oder was?" haben zahlreiche geh- und sehbehinderte Menschen am Wochenende am Buchloer Bahnhof demonstriert. Sie forderten einen Ausbau des Mobilitätsservices der Bahn und barrierefreie Bahnhöfe. Derzeit steht der Mobilitätsservice der Bahn Rollstuhlfahrern von Montag bis Freitag zwischen 11 und 18 Uhr zur Verfügung. Allerdings müssen Reisen bereits drei Tage vorher bei der Bahn angemeldet werden. Unterstützung erhielten die Menschen mit Behinderung auch vom Ostallgäuer Landrat Johann Fleschhut. „Es geht nicht um Behinderungen der Menschen, sondern darum, wie die Menschen behindert werden", so Fleschhut.

Erstes Ergebnis vom Pilotprojekt „Mobilitätsservice für Menschen mit Mobilitätseinschränkung“

Seit 1. Juni 2009 erprobt die Deutsche Bahn AG ein Pilotprojekt „Mobilitätsservice für Menschen mit Mobilitätseinschränkung“ im Raum Kempten und Rosenheim.

Züge, die ein barrierefreies Zusteigen ermöglichen stehen nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Menschen mit Mobilitätseinschränkung sind deshalb auf Hilfe beim Ein Um- oder Aussteigen angewiesen.

In der Vergangenheit wurde dieser Mobilitätsservice von Bahnpersonal bedient. Weil aber von immer mehr Bahnhöfen das Bahnservicepersonal abgezogen wird oder bereits wurde, konnten Bahnreisende mit Behinderung die Züge nicht mehr erreichen.

Diese Problematik besteht im ganzen Bundesgebiet.

Für Bayern laufen ab 1. Juni zwei Pilotprojekte im Raum Rosenheim und im Raum Kempten.

Die Bahnhöfe Buchloe, Füssen, Kaufbeuren, Lindau, Memmingen, Mindelheim und Oberstdorf werden von der Basisstation Kempten mit einem mobilen Service bedient.  D.h. bei Voranmeldung von 24 Stunden fährt das mobile Einsatzteam von Kempten zu dem vorgesehenen Bahnhof und übernimmt dort zu der angemeldeten Zeit den Mobilitätsdienst.

Dieser Service steht täglich von 6.00 Uhr bis 22.00 Uhr zur Verfügung.

Heidi Dintel, die Behindertenbeauftragte der Stadt Memmingen und zugleich die Sprecherin der VKIB-Projektgruppe „Barrierefreie Bahn in Bayern“ sieht diesem Pilotprojekt zwiespältig entgegen.

Kann der Mobilitätsservice bei mehreren Anmeldung zu ähnlichen Zeiten auf verschiedenen Bahnhöfen auch wirklich geleistet werden? Wie sieht es bei Zugverspätungen aus. Bei der Anmeldung muss die genaue Ein- Um- und Aussteigezeit festgelegt werden. Wie flexibel kann die Bahn bei einer Verspätung den Service bedienen?

Ein Spontanfahren ist nicht mehr möglich. Behinderte Menschen müssen ihre Bahnreise genau planen. Sie müssen die genaue Abfahrt- Umsteige- und Ankunftszeit 24 Stunden vorher bei der Anmeldung festlegen.

Andererseits wird von Seiten der Bahn endlich eine Ersatzlösung für das fehlende Servicepersonal an Bahnhöfen angeboten.

Das große Problem mit dem Umsteigebahnhof in Buchloe könnte dadurch entschärft werden. In Buchloe konnten Menschen mit Behinderung seit Januar 2008 nur werktags die Züge erreichen und dieses nur am Nachmittag.

Heidi Dintel hofft, dass die Neuregelung des Mobilitätservice für Menschen mit Behinderung eine Verbesserung darstellt und ihre Skepsis unberechtigt ist. Deshalb wäre es wünschens-wert, wenn mobilitätseingeschränkte Bahnreisende ihre Erfahrungen mit der neuen Regelung, ob positiv oder negativ, an sie weitergeben würden.

Mit Email dintel-memmingen(at)t-online.de oder telefonisch unter der Nummer 08331-2334 erreichbar.

Anmerkung:
Menschen, die auf einen Mobilitätsservice angewiesen sind müssen sich 24 Stunden vor Reisebeginn bei der Mobilitätsservice-Zentrale unter der Telefonnummer 01805-512512 (Euro 0,14/Min.) anmelden.

Mobilitätseingeschränkte Bahnreisende fühlen sich von der Bahn verhöhnt.

Pilotprojekt der Bahn über Mobilitätsservice für Menschen mit Behinderung - eine bewusste Täuschung?

Seit 2 Jahren wird von der Deutschen Bahn AG eine Lösung für abgezogenes Bahn-Servicepersonal in Aussicht gestellt.

Ab l. Juni 2009 war es soweit. In 2 Pilotprojekten wird im Bahnbereich Kempten und Rosenheim die Umstrukturierung des Mobilitätsservice für behinderte Bahnreisende erprobt.

Bereits 3 Wochen nach der Einführung muss davon ausgegangen werden, dass das Konzept nicht funktionieren kann und die Ersatzlösung für abgezogenes Bahn-Servicepersonal eine Mogelpackung ist.

Lt. Pressemitteilung der DB wird die Einstiegshilfe in die Züge für Menschen mit Behinderung auf den Bahnhöfen Kempten, Buchloe, Füssen, Kaufbeuren, Lindau, Memmingen, Mindelheim und Oberstdorf und den Bahnhöfen Rosenheim, Aschau, Bad Reichenhall, Freilassing, Murnau, Bad Endorf, Traunstein, Oberau, Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden täglich von 6.00 Uhr bis 22.00 Uhr bei einer Voranmeldung von 24 Stunden bereit gestellt.

Dass es sich bei dieser Aussage der Bahn um eine bewusste Täuschung handelt, stellte sich heraus, als eine Rollstuhlfahrerin bei der DB - Mobilitätszentrale eine Einstiegshilfe am Bahnhof Memmingen um 6.22 Uhr bestellt hat.

Die Anmeldung wurde angenommen, da die Zeitdaten, 6 bis 22 Uhr, in der Datenbank der Mobilitätszentrale so abgespeichert sind.

Am nächsten Tag kam von der Mobilitätszentrale die lapidare Absage: Abfahrt um 6.22 Uhr ist nicht möglich.

Eine zeitaufwendige und Kosten verursachende Recherche ergab Folgendes:
6.00 Uhr ist der Arbeitsbeginn des DB Servicepersonals am Bahnhof in Kempten, bzw. Rosenheim. Von dort aus muss das Serviceteam, das aus einer Person besteht, die angemeldeten Bahnhöfe mit dem PKW anfahren.

In Kempten und in Rosenheim ist für diesen Service jeweils 1 Person zuständig. D. h. diese Person müsste 7 Tage die Woche von 6. bis 22 Uhr im Dienst sein.

Und selbst dann kann diese Person die von der DB gemachten Versprechungen nicht erfüllen.

Wie soll bei zeitnaher Anmeldung auf verschiedenen Bahnhöfen Serviceperson die Mobilitätshilfe leisten?

Es liegt auf der Hand, dass bei der DB von Anfang bekannt war, dass diese Praxis nicht funktionieren kann. Sie wurde aber in den Pressemeldungen der DB als Fortschritt im Bahnverkehr für behinderte Menschen verkauft und bewusst in Kauf genommen, dass die Beförderung gegebenenfalls verweigert wird.

Die am 1.6.09 eingeführten Pilotprojekte in Rosenheim und Kempten haben nur eine Alibi-Funktion!

Bundes- und Bayer. Gesetze, sowie die von Deutschland ratifizierte und übernommene UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen, verlangen,  den Menschen mit Behinderung die Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Bei der Bahn kann davon keine Rede sein.

Radiobeitrag